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Emil Wachter Die Farbe Blau
Einführung in die Ausstellung am 19.11.2014 in der Galerie Bode, Karlsruhe,
von Dr. Sibylle Selbmann
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Liebe Dorothee Bode, sehr geehrte Damen und Herren,
Umfragen beweisen es immer wieder Blau ist die Lieblingsfarbe der Deutschen. Was fasziniert so an dieser Farbe? Im Gegensatz zum warmen, belebenden Rot wirkt Blau eher kühl und so die Farbtherapeuten seelisch lösend und beruhigend. Andere verlockt es zum Träumen.
Blau ist die Farbe des Himmels und des Wassers. Als Farbe des Himmels symbolisiert sie die Ferne und Weite, Unendlichkeit und Ewigkeit, zudem Glaube und Frömmigkeit, Wahrheit und Treue.
Als Farbe des Wassers symbolisiert sie vor allem das Unbewusste, darüber hinaus Tiefe, Ruhe und Reinheit.
Bei vielen Kulturen galt Blau als göttliche Farbe. Blau waren die Bärte der ägyptischen Götter, die Haut des hinduistischen Gottes Krishna und der Mantel des germanischen Gottes Wotan.
Und blau ist bis heute der Mantel Marias.
Manchmal wird Blau auch mit dem Geheimnisvollen assoziiert, so in Grimms Märchen „Das blaue Licht“.
Im Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis begegnet uns die bekannte „Blaue Blume“. Sie war zunächst bei Novalis nur als Symbol der Dichtung konzipiert. Doch dann entwickelte sie sich zum Sinnbild romantischer ins Unendliche gerichteten Sehnsucht. Und schließlich wurde sie zum Symbol romantischer Dichtung überhaupt.
Als Farbe des Irrealen, Phantastischen deuten wir Blau auch negativ. So bezeichnen wir Betrunkene als „blau“ und Naive als „blauäugig“.
Von einem Lügenbold sagen wir: „Er lügt das Blaue vom Himmel herunter“.
Und unser „Blaues Wunder“ wollen wir lieber nicht erleben.
Was faszinierte Emil Wachter an der Farbe Blau?
Während er die Farbe Gelb lange mied, liebte er Blau von Anfang an. Besonders schätzte er das Ultramarinblau. Dieses galt im Mittelalter als besonders kostbar. Man gewann es damals vom überaus kostbaren Schmuckstein Lapislazuli. Und nur mit diesem Ultramarin malte man die Mäntel Marias und Christi.
Wachter gestaltete seine Blautöne niemals monochrom. Vielmehr ließ er Weiß und andere Farbtöne durchschimmern. So erzielte er eine besondere Lebendigkeit. Zugleich verdeutlichte er mit den ineinander fließenden Farben das Verfließen der Zeit und damit die Besonderheit des Augenblicks.
In dem ganz in Ultramarin getauchten Ölbild „Sarai am Nil“ sehen wir Sara, Abrahams atemberaubend schöne Frau. Gedankenverloren steht sie am Nil, jenem großen Strom, der die Kulturgeschichte der Menschheit entscheidend mitbestimmte.
Auch sie, die bisher Kinderlose, wird Geschichte schreiben. Gott hat ihr einen Sohn verheißen. Durch ihn wird sie zur Stammutter Israels werden. Der Nil ist am Bildgrund durch einen tiefblauen Streifen angedeutet. Über ihm ein weiter, lichtdurchfluteter Horizont.
Sara wir sehen sie nur ab der Taille und im Profil nimmt die unterschiedlich hellen Ultramarinfarben des Nils und des Horizonts auf. Ihre Lippen, der einzige Rotakzent im Bild, leuchten verführerisch. Das viele Blau deutet hier auf Gottes Nähe hin. Und der Lichtstrahl, der sich vom Himmel über Saras Gesicht und Hals ergießt, zeigt, dass sie Gottes Segen hat und ihm auch in größter Not vertrauen kann.
In dem Ölbild „Veilchen“ setzt der Künstler nur wenige ultramarinblaue Akzente. Violett, die Mischung aus Rot und Blau, dominiert hier. Sie bestimmt das Bildmotiv, den Veilchenstrauß, sowie die ganze Wand hinter dem überwiegend türkisfarbenen Tisch.
Völlig violett ist selbst das Porträt an der Wand. Es ist die Farbe der Demut. Demut bedeuten auch die Veilchen. Das Porträt ist ein biblisches Porträt, das im Atelier Wachters hing. Es verweist auf hunderte der biblischen Porträt, die der tiefgläubige Christ er hatte auch Theologie studiert immer wieder darstellte. die Bibel war für ihn die „Mutter aller Bilder“ und der „Bauplan der Welt“.
Den violetten Bibelkopf akzentuiert er mit blauen Augenbrauen und blauem Bart, so die Nähe Gottes andeutend. Doch das stärkste, tiefste Ultramarinblau leuchtet über dem Namenskürzel des Künstlers links unten im Bild. Und darüber ein Lichtstreifen strahlend weiß!
Er verweist auf die Quelle von Wachters Kunst.
Er sah seinen Beruf als Berufung, seine ungewöhnliche künstlerische Begabung und Schaffenskraft als Gnade an und niemals als persönliches Verdienst.
Doch nicht nur Gottesnähe drückt der Künstler mit der Farbe Blau aus, sondern auch wie in dem Ölbild „Seemächte“ das Unbewusste.
Das Wasser ist nach C. G. Jung Symbol unserer Seele, Sinnbild des Unbewußten. Das Wort „Seele“ leitet sich aus dem Bild vom See ab. Träumen wir vom Wasser, spiegelt es unseren Seelenzustand, unsere Ängste und Wünsche wider. Das ultramarinblaue Ölbild „Seemächte“ könnte daher ebenso „Seelenmächte“ heißen. Ein Unterwasserbild spiegelt einen Angsttraum wider. Wir sehen einen Schwertfisch bedrohlich durch das Wasser schießen, unter ihm Teile menschlicher Schatten, bedroht von aggressiven Vögeln.
Dieses Bild zeigt uns, wie wir unsere Schatten und unser schlechtes Gewissen verdrängen. Wir verschmutzen und überfischen das Meer dies verkörpert der Schwertfisch und wir verpesten die Luft dafür stehen die Vögel.
Doch die Natur davor warnt uns dieses Wassertraumbild wird sich an uns rächen.
Bei dem Ölbild „Das Parlament“ übersetzt Wachter die Redewendung „Das Blaue vom Himmel herunter lügen“ in die Bildsprache. Fünf ultramarinblaue Vögel erwecken unsere Aufmerksamkeit. Drei kleine gefiederte Geschöpfe schauen bewundernd hoch auf zwei übergroße Vögel.
Sich weit aufplusternd schüchtern diese die Kleinen ein. Doch die Gefahr, die verborgen um sie lauert, sehen die Mächtigen nicht. Getarnt durch ein unauffälliges weiß-hellblaues Flügelkleid das Weiß steht hier für die weiße Weste- warten andere Artgenossen nur darauf, sie vom Thron hacken zu können.
Dieses augentäuschende Form- und Farbspiel ist Ausdruck der meisterhaften Virtuosität des Künstlers. Zugleich fordert er uns auf, uns nicht von der Macht der Politiker blenden zu lassen.
Wachter liebte die Natur über alles, das Wasser, die Bäume, Blumen und Vögel. Wie viele Künstler fühlte er sich vom Wasser besonders inspiriert.
Viele Sommer verbrachte er mit seiner Familie auf der Halbinsel Höri am Bodensee, jener Insel, auf der er auch Otto Dix begegnete und auf der früher sein Lehrer Erich Heckel und Hermann Hesse lebten. In dieser Zeit und auch noch später entstanden viele seiner sensiblen Wasser-Landschaften. In überaus zarten hell- oder graublauen Tönen, nur gelegentlich mit etwas Grün oder Violett belebt, stellte er die Weite des Wassers und die Unendlichkeit des Horizonts dar. Diese Wasserlandschaften eigneten sich besonders gut für die für ihn so typische Aussparmethode. Das von der Farbe unberührte, stehenbleibende Weiß auf dem Papier wurde zur Hauptsache, nämlich zur Darstellung des Lichts. Der Künstler war vom Licht, das sich auf dem Wasser spiegelt, fasziniert. Um das Weiß zu Licht werden zu lassen, musste er mit so wenig Farbe, also auch mit so wenig Blau wie möglich auskommen.
Seine dunkelblauen Boote, kleine Lebensschiffe, wirken in ihren sich auflösenden Konturen und in ihrer Vereinzelung wie Traum- und Sinnbilder der verfließenden Zeit, einer verfließenden Zeit, die doch eingebettet ist, in das ewig Zeitliche.
In seinen letzten Schaffensjahren wandte Wachter sich den geliebten Vögeln verstärkt zu. Gar zu gern stellte er mit ihnen menschliches Gebaren dar, meist heiter oder ironisch augenzwinkernd, manchmal auch warnend oder zeitkritisch.
Wenn sein Blau in Schwarzblau und dieses gar in Schwarz übergeht, bedeutet dies, wie in dem Aquarell mit Tusche und Aquarellstift „Ein Fremder“, höchste Bedrohung und Todesgefahr. Vier Vögel fliegen im Sturzflug aus dem Dunkel auf einen ihnen fremd erscheinenden Vogel zu, jederzeit bereit, ihn zu zerhacken. Das sie umgebende Dunkel charakterisiert ihre dunklen Absichten. Der „Fremde“ wiederum erscheint durch die überwiegend violette Farbgebung ausgesprochen friedfertig, ja geradezu demütig.
Ein Bild von trauriger Aktualität. Alles Fremde löst im Menschen Unsicherheit und Angst aus. Und je größer seine Angst ist, desto größer wird seine Aggressivität.
Wie beruhigend dagegen, ja geradezu heiter stimmend Blautöne auch sein können, zeigt der Künstler in seinem Vogelbild „Abendlied“, einem Aquarell mit Tusche und Aquarellstift, einem Bild voller Poesie und Musikalität. Wie sehr der schwarze Vogel von seiner Heiterkeit selbst erfüllt ist, sehen wir an seinem übergroßen, hellblauen Auge, durch das ein dunkelblauer Streifen geht. Die dunkelblauen Wellenlinien unter ihm betonen die Schwingungen seines Gesangs.
Emil Wachters Bilder wirken auf den ersten Blick einfach. Wie vielschichtig und differenziert sie in ihrer Ausdruckskraft sind, erkennen wir erst nach längerem Betrachten. Gerade darin liegt die Größe dieses beeindruckenden 2012 verstorbenen Karlsruher Künstlers. Kein Wunder, dass viele im In- und Ausland ihn als „deutschen Chagall“ bezeichnen.
Tauchen Sie nun in Wachters Sinfonie in Blau ein. Erleben Sie die Schönheit und den Bedeutungsreichtum dieser Farbe. Halten Sie inne, erleben Sie die Tiefe seiner Bilder und werden so dies war immer sein Wunsch zu Mitschöpfern, welche sein Werk phantasievoll ergänzen.
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